Conker's Bad Fur Day
Er flucht, er kotzt, pinkelt, ist ungehobelt, geldgeil und ständig betrunken. Ist er nicht süß? Um genau zu sein sollte das ganze Spiel einmal so werden – süß. Und heißen sollte es „Conker’s Quest“ oder später „Twelve Tales: Conker 64“. Ein Hüpfspiel für Kinder, ganz im Stil von Banjo und seinem plappernden Rucksackbewohner Kazooie.
Im Laufe der Entwicklung wurde in Sachen Story und Zielgruppe jedoch eine ganz andere Richtung eingeschlagen und herausgekommen ist ein Spiel, das so ganz und gar nicht für Kinder geeignet ist. Liebenswert ist es trotzdem. Alles beginnt mit einem Abend in der Kneipe. Conker teilt seiner Freundin Berry via Telefon und unter einem Vorwand mit, dass er später nach Hause kommt und lässt sich mit ein paar Freunden vollaufen. Nach einem Abend voller sinnlosem Zeitvertreib versucht er dann doch sturzbetrunken nach Hause zu laufen und es kommt wie es kommen musste: Conker verliert die Orientierung und verläuft sich. In der nächsten Szene wacht er auf einer kleinen Insel weitab vom Ziel auf und der Spieler erhält zum ersten Mal die Kontrolle über Mr. Squirrel.
Aber bevor er sich auf den Weg nach Hause machen kann und fröhlich hüpfend Geldbündel sammelt, welche übrigens das einzig sammelbare im Spiel sind, müssen erstmal die Kopfschmerzen beseitigt werden. Also einfach den Anweisungen der besoffenen Vogelscheuche folgen und auf dem großen, kontextsensitiven B-Knopf eine Kopfschmerztablette einschmeißen. Dazu später mehr.
Conker’s Bad Fur Day hat ein paar der besten und lustigsten Momente in der Geschichte der Spiele zu bieten. Wenn „Matrix“, „Der Soldat James Ryan“ oder „Bram Stokers Dracula“ gekonnt auf die Schippe genommen werden, bleibt kein Auge trocken. Und jeder der jemals den Kampf gegen den Arien trällernden „The great mighty Poo“ gesehen hat wird dieses Spiel nie mehr vergessen! Ein Beispiel gefällig? Der abgehalfterte Bienenkönig wurde von seiner Frau aus dem Bienenstock geworfen, hat sich darauf dem Suff hingegeben und sich in eine vollbusige Sonnenblume verliebt, die er gerne mal „bestäuben“ würde. Also bittet er Conker ein paar Bienen zur kitzeligen Blume zu bringen, damit sie ihre doch sehr üppigen Reize entblößt. Als schöner Nebeneffekt lässt sich der entfaltete Busen als Absprunghilfe nutzen um an ein weiteres Bündel Geldscheine zu kommen. Und der Bienenkönig ist am Ziel seiner Träume. Solch spaßige Momente finden sich zu Hauf.
Leider ist die Steuerung nicht ganz so ausgereift wie der Humor. Das Grundprinzip ist dasselbe wie bei den meisten Jump and Runs aus dem Hause Rare. Conker bewegt sich wie gewohnt durch drücken des Analogsticks. Gesprungen wird mit A, Z bedeutet Ducken, die C-Knöpfe bedienen die Kamera und B ist entweder Angriff oder wird sitautionsabhängig belegt, meist durch einen großen grünen B-Knopf, auf dem Conker zu Anfang seines Abenteuers auch neue Anweisungen erhält. Wegen schwammiger Kontrollen muss man allerdings manche Hüpfpassage schon mal öfter wiederholen als einem lieb ist. Da haben der Bär und Vogel dem Eichhörnchen einiges Voraus. Und die teils bockige Kamera tut ihr übriges. Aber die Vorfreude auf den nächsten Lacher ist genug Motivation um auch zum zehnten Mal gegen die Türsteher der Neandertaler-Disco anzutreten. Und sollte man doch mal einen Teil der Energieleiste einbüßen, dargestellt durch sechs Schockoladenstücke, so lässt sie sich ganz einfach durch gefundene „Antigravity-Chocolate“ wieder auffüllen.
Hat man das Hauptabenteuer beendet sollte das Modul aber noch lange nicht im Regal verschwinden! Sind genügend Mitspieler zur Hand bietet der umfangreiche Multiplayermodus noch genug Stoff für nächtelange Zockerrunden. Allein die Variante „War“, eine Art „Free For All“ mit Optionen, hat mich etliche Stunden meines Lebens gekostet. Aber auch die anderen Szenarios bieten reichlich Potential zum Austoben. Leider gibt es hier, mit ein paar Jahren Abstand, auch ein wenig zu bemängeln. Vor allem die PAL-Version leidet unter teils heftigem Ruckeln. Anno 2001 war das vielleicht noch zu verschmerzen. Heutzutage macht es eine Runde War zu viert aber ungewohnt schwierig. Auch, wenn der Spaß immer noch überwiegt, kann ich nur jedem empfehlen, sich die NTSC-Version zuzulegen, sofern er die Möglichkeiten dazu hat.
Conker’s Bad Fur Day ist ein erfrischend anderes Jump and Run für Erwachsene. Auch wenn es technisch nicht fehlerfrei ist und ein paar Frustmomente zu bieten hat, zählt es mit Sicherheit zu den besten Spielen auf dem N64.
Noch ein Wort zur Umsetzung auf der Xbox: In dem ambitionierten Projekt sollte das Hauptabenteuer grafisch aufgebohrt und der geniale Multiplayer um eine online Komponente erweitert werden. Das gelingt aber nur teilweise. Optisch ist es eines der schönsten Spiele auf Microsofts erster Konsole. Spielerisch sieht es nicht ganz so rosig aus. Fängt das Hauptabenteuer, durch einen Seitenhieb auf das Original, noch überraschend positiv an, stoßen später die miese Übersetzung der, im Original auf Englisch belassenen, Textblasen und die unnötigerweise weggepiepten Schimpfwörter sauer auf. Zudem leidet der Spielfluss unter den häufigen und sehr langen Ladepausen. Sogar in der Kneipe, die in beiden Versionen das Menu darstellt, gibt es unerklärliche Zwangsunterbrechungen! Das hätte besser klappen müssen! Auch der Multiplayer ist meines Erachtens nur sehr schwer spielbar. Mir war es zwar nicht möglich ein online Match zu spielen, aber offline wirkt alles schon zu unübersichtlich und zu überladen. Dadurch gerät jedes Match zur Glückssache. Vielleicht wollte man da einfach zuviel. Zudem fehlen die originalen Multiplayervarianten komplett.
Nichtsdestotrotz, ist das Hauptabenteuer trotz der Macken immer noch genial witzig und kann jedem der eine Xbox sein Eigen nennt nur ans Herz gelegt werden.
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